Chronik

Greifswalds Boddenschwimmen …

… oder das „Dauerschwimmen über die Dänische Wiek“, denn so nannten es die Gründungsväter der Abteilung Schwimmen des Greifswalder Turnerbund (GTB) 1860.

 

Mit der Einrichtung der noch heute bestehenden Badeanstalt in Eldena gründete der GTB im Jahre 1915 eine eigene Schwimmabteilung. Vielleicht gab es auch gleich mit dem Gründungsjahr einen Schwimmertag und damit auch ein Dauerschwimmen – in der Greifswalder Zeitung erscheint aber erst am 13. August 1921 eine offizielle Ankündigung für den kommenden Tag, die auf das „Schwimmen quer durch die Dänische Wiek“ und den Start um 15 Uhr in Ludwigsburg mit einem anschließenden Prüfungsschwimmen für Schwimmschüler hinweist. Da einige Tage später von dem diesjährigen Schwimmen gesprochen wird, können wir davon ausgehen, dass die Starter des Jahres 1921 nicht die ersten offiziellen Boddenschwimmer waren, von denen der Sieger 57 Minuten für die ca. 2,6 Kilometer lange Strecke benötigte. Nachdem ein Jahr später bei nur drei Startern die einzige Frau die zwei männlichen Konkurrenten hinter sich ließ, beide sogar von den Begleitbooten aufgenommen werden mussten, gelangte man schon zu der Aussage, dass Damen im Dauerschwimmen Hervorrangendes leisten können. Immerhin wäre schon beobachtet worden, dass Frauen im besonderen Maße zum Dauerschwimmen geeignet wären.

In den nächsten Jahren war das Langstreckenschwimmen in das jährliche Schwimmfest des GTB an der Südmole eingebunden. Dieses begann vormittags mit der lange Strecke (2.600 m), am Nachmittag gab es dann die kurzen Strecken über Brust-, Rücken- und Beliebigschwimmen sowie Wasserballspiel. Der Tag endete dann ab 17 Uhr mit einer Kaffeetafel und Tanz bei Gentzen in Wieck.  Nach dem Bau eines Sprungturmes auf der Südmole gab es auch Wettkämpfe im Turmspringen. Später kamen noch Tauchen und Rettungsschwimmen hinzu. Wer keinem Turnverein angehörte, startete damals übrigens außerhalb der Konkurrenz.

Auch heute noch wird die Strecke mit 2.600 m ausgewiesen. Denn die Untiefe der Dänischen Wiek, den sogenannten Mittelgrund, hatten auch die damaligen Organisatoren im Blick. So disqualifizierten sie 1927 zwei Stralsunder Schwimmer, die den niedrigen Wasserstand dieses Mittelgrundes zu einer kurzen Verschnaufpause nutzten. Von den Begleitbooten aus war dies beobachtet worden. So hatte jeder Schwimmer ein eigenes Begleitboot, gestellt von dem Ausbildungsbataillon, der Landwirtschaftsschule und dem Ruderclub Hilda. Eine rege Anmeldung von 22 Teilnehmern sorgte schon für „Bootsknappheit“. Im Jahre 1935 musste daher jeder Starter selbst ein Begleitboot stellen.

In den 1930er Jahren übernahm der Ausschuss für Leibesübungen Greifswald die Durchführung des „Wiekschwimmens“.  Es gab auch kein Schwimmfest mehr. Der Wettkampf wurde der 5. Bestandteil der Greifswalder Meisterschaften, bestehend aus Waldlauf, Straßen-Staffellauf und den Meisterschaften der Kampfbahn und der Turnhalle, zu dem sich auch als Mannschaft angemeldet werden konnte. Nach einigen Jahren ging die Organisation in die Hände des Greifswalder Schwimmerbundes über. Wer 1936 an den Start gehen wollte, was in dem Jahr bereits 46 Wagemutige taten, musste ein Startgeld von 9 Pfennig zahlen. Dafür gab es Teilnehmerurkunden. Gestartet wurde auch bei hohen Wellen und Wassertemperaturen von 14 Grad. Melkfett war schon immer ein bewährtes Mittel gegen Kälte.

Hertha Dannheim (geb. Lemcke) wollte am 31. Juli 1939 unbedingt am Wiekschwimmen teilnehmen. An diesem Tag musste sie noch ihre Eltern vom Bahnhof abholen und verließ nach dem Schwimmen das Strandbad; im gleichen Jahr dann auch Greifswald. Sie hörte danach nie wieder etwas vom Boddenschwimmen. Erst 70 Jahre später (2009) rief sie einfach mal im Greifswalder Rathaus an, um nachzufragen, ob immer noch über die Dänische Wiek geschwommen wird. Nun erfuhr sie auch, dass sie 1939 den dritten Platz in der Frauenwertung errungen hatte. Jetzt ist sie auch jedes Jahr der Ehrengast des Boddenschwimmens. Sie verfolgt noch heute das Boddenschwimmen und wir müssen immer über das Wochenende berichten.

Nach dem Krieg meldete die Landeszeitung am 31. Juli 1947, dass man der Bevölkerung momentan keine lange Strecke zumuten wolle und es Überlegungen gäbe, das traditionelle Wiekschwimmen durch ein Ryckschwimmen zu ersetzen. In den 1950er Jahren lässt sich leider nichts über einen Wettkampf lesen. Zwar gab es in Ludwigsburg jedes Jahr ein großes Strandfest, aber über ein Langstreckenschwimmen findet sich nichts.

Mit dem Trubel des Fischerfestes 1960 lebte Greifswalds altes Langstreckenschwimmen wieder auf, dies auch unter seinem heutigen Namen „Boddenschwimmen“. Zusammen mit dem Ryckhangeln gehörte es zum sportlichen Höhepunkt des Festes. Sogar einen Wanderpokal galt es zu erobern, den in den 1960er Jahren der Sportfreund Manfred Ketel erfolgreich verteidigen konnte. Gestartet wurde allerdings nur in den Altersklassen 16 − 30 und über 30 bei den Männern bzw. 16 − 25 und älter als 25 bei den Frauen. In diesen Jahren wurde auch ein Wanderpokal gestiftet. Ulrike Malzahn gewann damals noch unter ihrem Mädchennamen Gierig 3 x hintereinander das Boddenschwimmen und durfte diesen Pokal dann behalten, der noch heute in ihrem Besitz ist.

Mit den 1970er Jahren wurde es leider wieder still um das Boddenschwimmen, aber auch um das Fischerfest. Im Mittelpunkt stand die Ostseewoche.

Erst am 30. Juli 1987 meldete die Ostsee-Zeitung, dass die Boddenschwimmen-Premiere aufgrund der niedrigen Wassertemperaturen ausfallen musste. Also ging es seit dem 18. Juli 1988 wieder weiter, als ein sportlicher Höhepunkt des Fischerfestes, per Kraul oder Brust über die Dänische Wiek. Zum Neuanfang im Jahr 1988, organisiert durch den Stadt- und Kreissportbund, versammelten sich 65 Wasserratten am Start. Ein Name, der ab den 1990er Jahren mit dem Boddenschwimmen genannt werden muss, ist Thomas Komorowski. Er war allein vier Jahre hintereinander (1991 − 1994) der Schnellste.

Allerdings hatte das Boddenschwimmen nach seinem Neustart zu kämpfen. Viel wurde um eine zu geringe Teilnehmerzahl und einem Schattendasein neben dem Fischerfest diskutiert. Aber auch dieses Wellental hat dieser alte Wettkampf überlebt. Heute hat Greifswalds Dauerschwimmen sein eigenes Logo. Es hat sich einen festen Platz im Jahreskalender von Freiwasser- und Langstreckenschwimmern erkämpft. Deutschlands großes Portal für Schwimmer − SWIM  −   empfiehlt seinen Lesern das Boddenschwimmen als repräsentativen Wettkampf.  Mit dem Jahr 2012 gab es mit 172 Schwimmern auch einen neuen Teilnehmerrekord. Außerdem hat es einen Ableger bekommen − das Kinderboddenschwimmen − für die kleinen Wasserratten zwischen 7 und 13 Jahren.

 

„… Die Veranstaltung des Schwimmens quer durch die Dänische Wiek stellt eine wertvolle

Bereicherung unseres sportlichen Sommerprogramms dar …“
(Greifswalder Zeitung am 24. August 1931)